Auf dem jüngsten BRICS-Gipfel in Rio de Janeiro setzten die fünf Mitgliedsstaaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika ein klares Signal: Die unregulierte und nicht-autorisierte Nutzung von Daten für das Training Künstlicher Intelligenz (KI) stellt eine zunehmende Bedrohung für nationale Souveränität, kulturelle Integrität und digitale Fairness dar. In einer gemeinsamen Erklärung fordern sie mehr Kontrolle über Datenflüsse, klare Regeln zur Nutzung geschützter Inhalte und internationale Standards für den Einsatz generativer KI.
Digitale Ausbeutung und kulturelle Enteignung
Die BRICS-Staaten kritisieren die Praxis internationaler Tech-Konzerne, massenhaft Daten zu sammeln – oft aus dem Globalen Süden. Viele dieser Inhalte, die kulturelles Erbe oder lokale Wissensbestände enthalten, werden ohne Zustimmung der Urheber verwendet. Dadurch geht nicht nur geistiges Eigentum verloren, sondern auch eine Form kultureller Selbstbestimmung.
Zahlreiche NGOs und Datenschützer hatten bereits auf dieses Problem hingewiesen. Besonders im Bereich der generativen KI, die automatisiert Texte, Bilder oder Musik erstellt, verstärkt sich diese Sorge. Denn oft werden Inhalte außerhalb ihres ursprünglichen Kontexts verwendet, was zu Verzerrungen und Fehlinterpretationen führt.
Forderungen der BRICS-Staaten
In ihrer gemeinsamen Erklärung formulieren die BRICS-Staaten mehrere zentrale Forderungen:
- Stärkere Datenkontrolle: Staaten müssen die Möglichkeit erhalten, sensible Daten vor unkontrolliertem Export zu schützen. Dies soll besonders dann gelten, wenn sie für KI-Trainingszwecke im Ausland genutzt werden sollen.
- Vergütungspflicht: Wenn Unternehmen kulturelle, journalistische oder wissenschaftliche Inhalte aus einem Land verwenden, sollen Lizenzmodelle greifen – ähnlich wie im Urheberrecht.
- Technologische Souveränität: Die Staaten streben an, eigene KI-Systeme zu entwickeln, die auf lokal verankerten Daten basieren und regionale Sprachen sowie Kontexte berücksichtigen.
- Globale Standards: Die UNO soll einen völkerrechtlichen Rahmen für faire und transparente KI-Nutzung schaffen. Dieser soll Prinzipien wie Reziprozität, Fairness und kulturelle Vielfalt absichern.
Ein Gegengewicht zur westlichen Dominanz
Mit diesen Vorschlägen wollen sich die BRICS-Staaten von der derzeitigen Vorherrschaft westlicher Technologieanbieter lösen. Große Konzerne wie Google, Meta oder OpenAI nutzen riesige Datenmengen aus aller Welt, doch der wirtschaftliche Nutzen konzentriert sich auf wenige Länder. Die BRICS-Länder fordern deshalb eine gerechtere Verteilung der Erträge und mehr Mitspracherecht.
Eine der Ideen ist eine sogenannte “Trainingsdatenabgabe”, die an eine Digitalsteuer erinnert. Wenn Inhalte aus bestimmten Regionen genutzt werden, sollen die betroffenen Länder an den Erlösen beteiligt werden. Das würde auch Anreize für eine transparentere Datenpolitik schaffen.
Gefahr für kulturelle Vielfalt und Identität
Viele KI-Modelle werden hauptsächlich mit englischsprachigen und westlich geprägten Inhalten trainiert. Dadurch entsteht ein einseitiges Bild der Welt, das wichtige kulturelle Perspektiven ausblendet oder falsch darstellt.
Beispielsweise berichten indigene Gemeinschaften in Brasilien und lokale Aktivisten in Indien, dass KI-Systeme ihre Kultur, Sprache und Symbole nicht korrekt abbilden. Der Wunsch nach inklusiveren Modellen, die regionale Besonderheiten respektieren, wächst entsprechend.
Reaktionen aus Europa und Nordamerika
Die internationale Resonanz fällt gemischt aus. Einige europäische Politikerinnen und Politiker unterstützen die Forderung nach fairen Datenflüssen und mehr Transparenz. Andererseits warnt die Tech-Industrie vor einer “Zersplitterung des Internets”.
Sollten Länder beginnen, ihre Datenflüsse strikt zu kontrollieren, könnten Trainingsprozesse erschwert und KI-Modelle weniger leistungsfähig werden. Dennoch experimentieren erste Unternehmen mit freiwilligen Lizenzsystemen oder bieten Open-Source-Transparenzberichte an.
UNO als Plattform für globale Regeln
Die BRICS-Staaten nennen die Vereinten Nationen als geeignete Plattform, um verbindliche Regeln für den Umgang mit KI zu etablieren. Die Idee ist, eine multilaterale Konvention zu schaffen, die Datensouveränität, kulturelle Rechte und technologische Fairness gewährleistet.
Auch Organisationen wie UNESCO, OECD oder die G20 befassen sich bereits mit ethischen Leitlinien für KI. Ob daraus ein global akzeptierter Standard entstehen kann, bleibt abzuwarten. Unterschiedliche Interessen und technische Herausforderungen stehen einer Einigung bisher im Weg.
Fazit: Auf dem Weg zu globaler digitaler Gerechtigkeit
Mit ihrer Initiative bringen die BRICS-Staaten eine neue Dimension in die globale KI-Debatte ein. Sie machen deutlich, dass Künstliche Intelligenz nicht nur technologisch, sondern auch politisch, kulturell und wirtschaftlich relevant ist.
Die Frage, wer über Daten und ihre Nutzung entscheidet, ist zentral für die digitale Zukunft. Die Forderung nach Fairness, Transparenz und Beteiligung ist berechtigt – und sie trifft einen Nerv der Zeit. Umso wichtiger ist es, internationale Spielregeln zu finden, die sowohl Innovation fördern als auch Verantwortung einfordern.
Nur wenn alle Regionen der Welt eingebunden sind, kann KI langfristig als globaler Fortschritt verstanden werden – nicht als Werkzeug einseitiger Interessen.


